September 2004

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AKTUELL  

Andreas Wolf

Neue Blüten in der Gemeindelandschaft (Teil 2)

Unsere Gemeindewelt ist bunter geworden. Von postmodern bis multikulturell, von Hausgemeinde bis Stadtkirche, von "Cluster-Gemeinden" bis zu neuen Missionsorden. Wer genau hinschaut, sieht schnell, dass das alt gewohnte Denominationsraster als Orientierungshilfe heute nicht mehr ausreicht.

Dabei entwickeln sich Neuerungen gegenüber der klassischen Ortsgemeinde, die einer bestimmten Denomination angehört, im Wesentlichen auf zwei Ebenen: der geografischen und der soziokulturellen.


Die geografische Dimension

Ein gewachsenes Bewusstsein für die geografische Dimension beweisen neben stadtweiten und regionalen Transformationsprojekten (siehe Juniausgabe) insbesondere missionarische Nachbarschaftskirchen, die sich auf die Bevölkerung "in Gehweite" konzentriert. Diese "Geh-Struktur" stellt zwar den typischen obere-Mittelschicht-Christen vor ganz neue Herausforderungen, überwindet aber die Ausgrenzung der nicht motorisierten Bevölkerung durch die übliche "Komm-Struktur" von Kirchen und Gemeinden. Nicht verwunderlich, dass solche "Kiez"-fokussierten Gemeindegründungen typischerweise Missionsprojekte und damit eher Einzelerscheinungen sind.

Auch lokale Hauskirchennetzwerke können einen geografischen Fokus haben. Die in Deutschland auf grob 400 geschätzten "Hauskirchen" dürften dabei untereinander sehr verschieden sein: als Gemeindegründungsinitiative in Berlin, als seit Jahren funktionierendes Netzwerk in Lüdenscheid, als dorfübergreifendes Jugendgemeindenetzwerk im Tübinger Raum, als regionale Netzwerke innerhalb der Landeskirche, als Einheit innerhalb von Megagemeinden oder Regionalprojekten oder als private Initiativen, nicht selten verursacht durch den weit verbreiteten Gemeindefrust. Gemeinsam drücken sie das Verlangen nach der kleinen geistlichen Bezugsgruppe aus sowie die Sehnsucht danach, Teil eines größeren geografischen Ganzen zu sein, das über die Grenzen der Denominationen hinweg geht. (Siehe auch: http://www.hauskirche.de/hauskirchen_in_d.htm)


Die soziokulturelle Dimension

Das Reagieren auf die verschiedenen soziokulturellen Bedürfnisse der Mitglieder und der Zielgruppen gehörte schon immer zum Kerngeschäft von Kirchen und Gemeinden. Neue Herausforderungen der globalisierten Welt fordern unsere Kreativität darin immer wieder heraus.

In multikulturellen Gemeinden – so zum Beispiel in Gummersbach im Bergischen Land – wird die Integration verschiedener Kulturen und Nationalitäten realisiert. Durch die Balance zwischen interkulturellen Begegnungsangeboten und kulturspezifischen Kleingruppen wird den verschiedenen Bedürfnissen osteuropäischer, westeuropäischer und afrikanischer Mitglieder Rechnung getragen. Gleichzeitig zieht dieser interessante Mix sogar deutsche Kirchenferne aus der direkten Umgebung an.

Wir leben in der Postmoderne. Rumsitzen und Zuhören ist out. "High quality" Performance für Kirchenferne wirkt verstaubt noch bevor die Show beginnt. Klar, jeder geht mal gern ins Kino. Begeistern lassen sich Angehörige des "14/25 Fensters" aber nur noch durch Interaktion. Anfassen und Outen ist in. Eigene Storys erzählen, in die Gefühle anderer eintauchen und der eigenen Spiritualität mittels multimedialer Rauminstallationen nachspüren, das ist gefragt. Spirituelle "Pilgerschaften", ein Halt machen in den "Elija-Rooms" einer neuklösterlichen Lebensgemeinschaft, stehen hoch im Kurs. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Dabei ist die Postmoderne kein Jugendphänomen, nicht nur eine neue Ausdrucksweise heutiger Jugendgemeinden, sondern vielmehr eine Tür zum Miteinander der Generationen. (Siehe als Trendsetter auch: http://www.churchnext.net)


Was es braucht...

Um tatsächlich ein lückenloses Angebot des Evangeliums der Liebe Gottes in jedem Hinterhof und in jeder soziologischen Subgruppe zu realisieren, ist ganz offensichtlich mehr nötig, als nur eine Verdoppelung unserer bisherigen kirchlichen, freikirchlichen und postkirchlichen Anstrengungen. Was genau ist Ihr Gebet, Ihre Hoffnung für Gottes Zukunft in unserem Land?

 
Was ist damit gemeint?

"Cluster-Gemeinde"

Kleingruppen homogener missionarischer Zielrichtung bilden zusammen ein Cluster mit sonntäglichen Gottesdiensten; mehrere Cluster mit verschiedenen Identitäten bilden die Gesamtgemeinde (erfolgreiches Experiment der anglikanischen St. Thomas Gemeinde, Sheffield, UK)

"Hauskirchen"

verbindliche geistliche Gemeinschaften, die sich "ohne Gebäude, Pastor und Programm" in Privatwohnungen treffen, sich als vollgültige "Gemeinde" verstehen und sich mit anderen regionalen Hauskirchen zu einem Netzwerk verbinden

"14/25 Fenster"

Altersgruppe zwischen 14 und 25 als Teil der globalen und radikal entkirchlichten Jugendkultur

"Elija-Rooms"

in Anlehnung an die Witwe von Zarpath ein bescheidenes Dachkämmerlein für umherziehende Propheten bzw. geistliche Jugendliche auf ihrer spirituellen Pilgerschaft

"neuklösterliche Lebensgemeinschaft"

geistliche Lebensgemeinschaft in Anlehnung an die "Monasteric Communities" des keltischen  Kirchenvaters Patrick, deren gemeinschaftliches Leben durch "dienende Evangelisation" der regionalen Bevölkerung geprägt war

 

Hintergrund zu dieser Themenreihe:

Dieser Artikel ist der erste Teil einer kleinen offenen Publikationsreihe zur Gemeindegründungsforschung des "DAWN European Network". Unsere Forschung orientiert sich an dem klassischen missiologischen Ansatz des Erntefeldes der Gesellschaft und der Erntekraft der Gemeinde. Ergänzt wird dieser Ansatz durch unser spezielles Interesse an der Erntedynamik, die sich in Gemeindegründung, neuen Gemeindeformen und prophetischen Ausblicken ausdrückt.

 

Andreas Wolf wohnt mit seiner Frau Christine zwischen Magdeburg und Brandenburg. Er ist freiberuflich tätig als Projektmanager, Moderator und Mediator und innerhalb des "DAWN European Network" für Gemeindegründungsforschung zuständig


 

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