März 2005

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FOKUS  

Daniel Catalano

 

Das Stabspiel: Ein Teamspiel mit großer Wirkung

 

"Dass ein Spiel mich so positiv mitnimmt, hätte ich nicht gedacht!" – "Ich bin überrascht, wie viel ich aus einem Teamspiel lernen kann." Aussagen wie diese stammen von Seminarteilnehmern, die an einem einfachen und doch sehr effektiven Teamspiel mitgemacht haben. Sie können es in ihrer Gemeinde, ihrem Hauskreis oder in irgendeiner beliebigen Gruppe innerhalb von 5-10 Minuten anwenden. Hier erfahren Sie wie.

 

Um was geht es in diesem Spiel?

Das Spiel verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich als Teil eines Ganzen (Teams, einer Gemeinde, einer Gruppe) zu verstehen, in dem es kaum möglich ist, sein Ding "allein" durchzuziehen ohne ungewollte "Nebenwirkungen" in Kauf zu nehmen. Ein Ziel kann schneller erreicht werden, wenn sich alle darauf konzentrieren, in der Kommunikation und im Verhalten aufeinander einzugehen und sich abzustimmen (gesunde Vernetzung).


Biblischer Bezug

In 1 Kor 12 beschreibt Paulus die Gemeinde als den Leib Christi, in dem alle Glieder eine vernetzte Einheit bilden. In dieser sind alle Glieder aufeinander bezogen und angewiesen. Die so genannten biotischen Prinzipen der natürlichen Gemeindeentwicklung (NGE) bauen auf Erkenntnisse dieser vernetzten Sichtweise gemäß 1 Kor 12. Das Schlüsselprinzip der biotischen Prinzipien ist deshalb "Vernetzung".


Zum Spielablauf

8-10 Personen werden gebeten, einen etwa 2-3 Meter langen Stab (aus Holz oder besser Bambus) zu halten. Der Seminarleiter hebt den Stab waagrecht in Schulterhöhe der Teilnehmer und erklärt den Teilnehmern, dass der Stab nur mit dem Zeigefinger berührt/gehalten werden darf. Bei 10 Teilnehmern stehen sich also jeweils 5 Teilnehmer fast Schulter an Schulter (Abstand von Schulter an Schulter ca. 20-30 cm) gegenüber, mit dem Stab in der Mitte. Der rechte Arm aller Teilnehmer wird leicht angewinkelt auf Schulterhöhe ausgestreckt, so dass bei jedem der Stab auf dem Zeigefinger liegt (die Hand eines jeden "zeigt" mit dem Zeigefinger sozusagen in Schulterhöhe wie eine Pistole auf die gegenüberliegende Person und der Stab liegt auf den Zeigefingern aller Teilnehmer).

Zwei wichtige Vorgaben müssen den Teilnehmern kommuniziert werden:

(1) Alle, die den Stab halten, müssen ihn auch gemeinsam auf den Boden legen.

(2) Der Zeigefinger eines jeden Einzelnen muss zu jeder Zeit während des Spiels den Stab berühren.

Das Spielziel ist erreicht, wenn es einem Team gelungen ist, den Stab gemeinsam auf dem Boden abzulegen.

Dann geht’s los: Der Seminarleiter gibt den Stab frei und überlässt ihn dem Team. Einzelne Teammitglieder möchten gleich beim Start in die Knie gehen, da sie wohl davon ausgehen, dass die Aufgabe schnell erledigt werden kann. Obwohl jeder das Ziel schnell erreichen will (den Stab auf den Boden abzulegen), kommt das Team überraschenderweise nur sehr langsam voran. In den ersten Sekunden sagt kaum jemand etwas. Doch bald schon beginnen die ersten Teammitglieder, deutliche Kommandos zu geben. Befehle, Anweisungen, Tipps und Ratschläge einzelner Teilnehmer werden teilweise befolgt, teilweise einfach überhört.

Manche werden ungeduldig, weil sie kaum Fortschritt sehen: "Das gibt’s doch nicht! Warum dauert das so lang?" Andere beginnen, einzelne Teammitglieder zu fragen, ob sie denn auch wirklich den Stab unten ablegen wollen oder einfach nur heben oder gar nach oben drücken! Auf einmal trifft etwas Unerwartetes ein: Der Stab spielt nicht so mit, wie es die meisten wollen. An irgendeiner Stelle hebt sich der Stab und die anderen Teilnehmer versuchen, dies irgendwie auszugleichen. Ob sie dabei gewollt haben, dass der Stab insgesamt wieder viele Zentimeter angehoben wird?

Nach dem kleinen "Schock" möchte das Team die verlorenen Zentimeter wieder gut machen. Die unterschiedlichen Stimmen werden plötzlich weniger. Es wird nicht mehr so durcheinander geredet wie vorher. Eine deutlich bessere Koordination spielt sich ein. Die Hektik nimmt ab. Das Team versucht nun "als Ganzes", durch eine aufmerksamere Kommunikation den Stab gemeinsam abzulegen. Plötzlich hört man sogar ermutigende Ausrufe ("Ja, so klappt das!" – "Langsam, langsam, nur noch wenige Zentimeter!"). Der Balanceakt wird spürbar leichter. Das Team macht schnellere Fortschritte. Wenn auch nicht innerhalb der nächsten Sekunden, so liegt doch innerhalb der nächsten Minuten der Stab auf dem Boden. Das Ziel wurde gemeinsam erreicht.

 
Aus der gemeinsamen Erfahrung lernen

Ein solches Teamspiel gibt die Möglichkeit, Information in die eigene Sprache und Assoziationswelt zu übersetzen. Dieses Spiel aktiviert die Teilnehmer und verknüpft den Lernprozess mit einem echten Erlebnis. Im anschließenden gemeinsamen Austausch wird die Spielerfahrung auf das Teamverhalten transferiert.

(1) Innerhalb eines Teams (eines Organismus) wirkt sich jede Aktion des Einzelnen aus. Ziel: Eine teamorientierte und vernetzte Sichtweise meiner Aktionen und Möglichkeiten

Die Vorgabe, mit dem Finger am Stab zu bleiben, bildet die Grundlage, um etwas Entscheidendes klar zu machen: Solange keine Person aus dem Team "aussteigt" (und damit nicht mehr dazu gehört), werden alle Bewegungen der Teammitglieder immer in irgendeiner Art und Weise den Ablauf beeinflussen und sich auch auf die anderen Mitglieder im Team (in einer Gruppe, in einer Gemeinde) auswirken. Es gibt keine "neutrale" Position. Auch passive Teamspieler beeinflussen den Ablauf. Jede Bewegung wirkt sich auf die Stabhöhe aus. Das heißt aber nicht, dass übermäßige Bewegungen nötig oder gar effektiv sind. Eine so genannte "Übersteuerung" kann auch stattfinden. Dies geschieht, wenn der Stab schief liegt und zu viele Leute auf einmal und ohne Fingerspitzengefühl versuchen, diese Schieflage auszugleichen. So kann der Stab im Spiel unter Umständen höher zu liegen kommen als in seiner Ausgangslage.

In 1 Kor 12 lesen wir von der Gemeinde als Leib Christi – mit unterschiedlichen Gliedern, die sich in ihrer Vielfalt gegenseitig beeinflussen und ergänzen sollen. Das Spiel verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich als Teil eines Ganzen (Teams, einer Gemeinde, einer Gruppe) zu verstehen. Wer sich also der ohnehin vorhandenen Vernetzung (man beeinflusst sich gegenseitig) bewusst wird und eine mögliche gesunde Vernetzung (teamorientiertes und auf einander feinfühlig abgestimmtes Handeln) umsetzt, wird die besten und schnellsten Ergebnisse erzielen.

(2) Unterschiedliche Vorstellungen bewusst machen und lernen, damit umzugehen. Ziel: Eine positive, teamorientierte Reaktion

Alle wollen zwar das gleiche Ziel erreichen, aber die Reaktion auf den Verlauf der Teamaktivität ist unterschiedlich. Manche gehen davon aus, dass das Ziel innerhalb kürzester Zeit erreicht werden kann. Andere meinen, dass der Stab auf keinen Fall angehoben werden dürfe, will man dem Ziel näher kommen (nämlich den Stab am Boden abzulegen). Dementsprechend fallen auch die Reaktionen aus – von Erstaunen über Frust bis hin zu (versteckten oder offenen) Vorwürfen an andere. Sogar die Möglichkeit einer "Sabotage" ("Da drückt doch jemand bewusst nach oben!") kann eingeräumt oder ausgesprochen werden.

Hier ist es hilfreich, ein Team als lebendigen Organismus zu verstehen, in den jedes einzelne Teammitglied unterschiedliche Vorstellungen mitbringt. Dabei sind die unterschiedlichen Vorstellungen in Bezug auf das wie oder wie schnell etwas "abzulaufen" hat, nicht das Problem. Es ist die Art und Weise, wie die Beteiligten mit diesen Vorstellungen und den auftretenden Störungen umgehen. Mit ihnen muss gerechnet werden, auch wenn offensichtlich alle das Ziel erreichen möchten. Das gemeinsame Reden darüber, das Abgleichen von Vorstellungen und das Vorbereiten auf mögliche und unerwartete Störungen kann helfen, dass die einzelnen Reaktionen in der Durchführung einer Teamaufgabe nicht hinderlich oder negativ aufeinander einwirken.

Teams bzw. Gemeinden, die als lebendige und vernetzte Organismen agieren möchten, müssen also von jedem einzelnen Mitglied so gesehen und in allem als solche behandelt werden.
 

Daniel Catalano (28) ist verheiratet mit Miriam und gibt Intensiv-Seminare zum Erlernen und Anwenden der biotischen Prinzipien der natürlichen Gemeindeentwicklung (Projektpartner von Christoph Schalk). Gerne können Sie ihm ihre Fragen per E-Mail stellen oder ihn für ein Seminar einladen.


 

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