März 2005

[ Seite
DRUCKEN
]

 
SPEKTRUM  

Robert E. Logan und Sherilyn Carlton

Die Macht der Fragen

Wirkungsvolle Fragen sind ein machtvolles Instrument. Sie können Türen aufschließen, die ansonsten auch den besten Ratschlägen widerstehen. Eine der Grundregeln des kreativen Schreibens lautet: "Zeigen Sie etwas, sagen Sie es nicht." Analog könnte man eine grundlegende Coaching-Regel aufstellen: "Nicht vorsagen – fragen!"

Sagen Sie den Leuten niemals etwas, was sie selbst herausfinden können. Denken Sie an Ihre eigenen Lehrer an der weiterführenden Schule oder an der Universität. Von wem haben Sie am meisten gelernt? Von den Lehrern, die Ihnen laut ihre Erkenntnisse vorgetragen haben (in der Erwartung, dass Sie es pflichtschuldig mitschreiben) – oder eher von den Lehrern, die es geschafft haben, eine ernsthafte Diskussion auszulösen, in der die Studenten die meisten Gesprächsbeiträge selbst geleistet und ihre eigenen Schlüsse gezogen haben? Ein guter Lehrer verhält sich genau wie ein guter Coach: Er fragt – er sagt nicht einfach vor. Mit den richtigen Fragen lockt und fordert er heraus und spielt mitunter sogar des Teufels Advokat, nur um sicher zu gehen, dass Sie Ihre Haltung erkennen und gut begründen können.

Was also macht eine Frage zu einer guten Frage? Gute Fragen müssen nicht kompliziert sein, um wirkungsvoll zu sein. Einfache Wendungen wie "Und was nun?" können eine Fülle von Einsichten und Veränderungen hervorbringen. Und schon mit einer ganz schlichten Faustregel können Sie es weit bringen: Stellen sie "offene" Fragen.

Eine offene Frage ist eine, die man nicht mit "Ja" oder "Nein" beantworten kann. Wenn Sie fragen: "Welches Thema müssen wir unbedingt als nächstes anpacken?", dann muss Ihr Gesprächspartner selbständig denken und Optionen abwägen. Wenn Sie allerdings fragen: "Sind Sie nicht auch der Ansicht, dass wir uns zunächst mal um einen ausgeglichenen Haushalt bemühen sollten?", dann können sie nur mit "Ja" oder "Nein" antworten – und wenn die Frage dann auch noch so formuliert war, können sie sich geradezu genötigt fühlen, mit "Ja" zu antworten.

Die meisten Fragen, die wir stellen, sind geschlossene Fragen. Eine geschlossene Frage eröffnet keinerlei Spielraum für Diskussionen und ist auch nicht an zusätzlichen Informationen interessiert. Wenn wir geschlossene Fragen stellen, versuchen wir damit oft die Anzahl der Optionen einzuschränken oder legen anderen vorgefertigte Antworten in den Mund. Denken Sie nur einmal an die Frage eines Staatsanwaltes im Kreuzverhör: "Haben Sie nun das Messer in die Hand genommen oder nicht?" Er erwartet entweder ein "Ja" oder ein "Nein" als Antwort und zeigt zugleich keinerlei Interesse an einer Erklärung der Umstände. Die Frage ist also gewissermaßen eine Falle. Der Verteidiger wird womöglich dieselbe Frage stellen, aber anders. Er wird sie offen formulieren, sodass der Zeuge seine Eindrücke und die Umstände schildern kann: "Bitte schildern Sie in Ihren eigenen Worten, was geschehen ist, als Sie den Raum betreten haben."

Oft verfallen wir ohne jede Absicht in ein Fragemuster, das geschlossene Fragen fordert. Wir fragen zum Beispiel: "Sollen wir uns nächste Woche mit diesem Thema beschäftigen?" Jeder und jedem passiert das mal. Dem kann man nur abhelfen durch ein geschärftes Bewusstsein – und durch Übung. Wir sollen selbst darauf achten, wie wir fragen, und sobald wir uns bei einer Ja/Nein-Frage ertappen, sollten wir überlegen, wie wir die Frage offen und damit anders stellen können.

Zur Erinnerung: Ein Coach stellt Fragen zu dem einen konkreten Zweck, dass andere herausfinden, was Gott von Ihnen erwartet. Erfragen Sie die Erlebnisse und Erfahrungen der Leute, versuchen Sie ihre Gefühle, Sehnsüchte und Ziele herauszufinden. Angenommen, eine Frau hat schlechte Erfahrungen in der Gemeinde gemacht. Sie wollte gerne mitarbeiten im Begrüßungsteam und im Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst, aber stattdessen ist sie in einen Streit geraten mit der Mitarbeiterin, die diese Dienste verantwortet. Ihr Coach könnte nun fragen: "Was hätte Ihrer Meinung nach anders laufen sollen?", oder auch: "Wie können Sie das nächste Mal anders an die Sache herangehen?" Solche Fragen helfen, ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle einzubeziehen.

Ein weiterer Vorzug von guten Fragen: Sie nehmen Druck vom Coach. Denn einer der am meisten genannten Gründe, warum Menschen keine leitende Rolle und auch keine Verantwortung als Coach übernehmen wollen, ist die Furcht davor, nicht alle Antworten zu wissen. Ein Coach muss überhaupt nicht alle Antworten kennen – er muss nur ein paar gute Fragen haben. Für die meisten Coaches ist diese Erkenntnis eine große Erleichterung.

Ich habe in meinem persönlichen wie auch in meinem beruflichen Umfeld entdeckt, wie wirkungsvoll gute Fragen sein können. Wenn ich zusammenfasse, was andere sagen; sie einlade, mehr zu sagen und ihnen kontinuierlich helfe, auf ihre eigenen Ressourcen zurückzugreifen, lösen sie in 70-80% aller Fälle ihre Probleme selbst, ohne irgendeinen "Input" von mir. In nahezu der Hälfte dieser Fälle schütteln die Betroffenen mir die Hand und sagen: "Vielen Dank für Ihren Rat!", ohne zu realisieren, dass ich Ihnen gar keinen Rat gegeben habe.

Zur Übung: Nehmen Sie die folgenden geschlossenen Fragen und formulieren Sie sie als offene Fragen:

  • Werden Sie Anzeigen schalten, um mehr Menschen anzuziehen?

  • Haben Sie versucht, mit ihm darüber zu sprechen?

  • Beten Sie für diese Sache?


 

Das Coaching 1x1 Dieser Auszug wurde dem Buch Das Coaching 1x1 von Robert E. Logan und Sherilyn Carlton entnommen. Das Coaching 1x1 führt Schritt für Schritt durch den Coaching-Prozess in einer Weise, die den Lesern die Umsetzung in tagtäglichen Dienstsituationen erleichtert. Das Coaching 1x1 kann direkt bei CoachNet Deutschland bezogen werden.

 

Robert E. Logan leitet "CoachNet International Ministries" und ist als Trainer, Berater und Coach in mehr als 40 Denominationen tätig. Sherilyn Carlton ist ein erfahrener Coach in Lebens- und Leiterschaftsfragen ("Destination Coaching"). Beide Autoren leben in den USA.


 

 © 2005. COPYRIGHT by NCD International, ALLE RECHTE VORBEHALTEN

   
 

  [ Fenster schließen ]